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«10/14» Prosa

Mal wieder was Ernsthaftes.

Das Ende der Ewigkeit

Er erwachte, und auch an diesem Morgen war es dunkel. Seine Hand griff ganz von allein nach dem Schalter der Lampe neben ihm. Er war sich dieser Handlung kaum bewusst, bis es schließlich ein wenig hell war. Auch den weiteren Verlauf dieses Morgens durchlebte er, als bewege er sich auf Fließbändern. Endlich saß er in seinem Esszimmer und verzehrte den Inhalt seines Tellers, ohne diesem viel Beachtung zu schenken. Und wieder saß er da und vertilgte sein Frühstück. Und wieder nahm er in seinem Esszimmer Platz. Und wieder. Und wieder. Mechanisch folgte jeder Tag dem nächsten. Und sie alle waren so gleich, so identisch, dass es ihm bald nicht mehr möglich war, sie zu zählen. Aber es machte auch keinen Unterschied. Er nahm kaum mehr wahr, als stets das morgendliche Erwachen im dunklen Zimmer. Er wusste nicht, wann der Tag endete. Er wusste nur, wann er begann. Wieder und wieder begann ein neuer Tag. Oder war es derselbe? Hatte es jemals einen anderen Tag gegeben? Konnte es einen geben? Jeder Versuch, sich zu erinnern, war nichts als ein neuerliches Erwachen. Als würde er aus einem Traum im Traum erwachen. Immer wieder in denselben Traum hinein.

Er erwachte, und auch an diesem Morgen war es dunkel. Seine Hand griff ganz von allein nach dem Schalter der Lampe neben ihm. Aber da war keine Lampe neben ihm. Seine Hand fand nur den Nachttisch. So blieb es dunkel. War dies ein Tag? Langsam tauten nervöse Gedanken sein Bewusstsein auf. Was war geschehen? Wo war er? War dies sein Schlafzimmer? Er griff erneut nach der Lampe, diesmal bewusst. Nichts. Nur der samtbezogene Nachttisch. Vorsichtig setzte er sich auf, schob seine Beine aus dem Bett. Teppich. Unter seinen Füßen. Schwitzend starrte er in die Dunkelheit, die ihn umgab. Zitternd streckte sich sein Bein, bis es etwas Kaltes berührte. Er zuckte zurück. Dann tastete sich seine Hand über den Boden. Auch sie erfasste das Kalte, umfasste es. Massiv. Zaghaft hob er den Gegenstand und befühlte ihn weiter. Schließlich fand er den Schalter. Er saß da, atmete schwer und hielt die leuchtende Lampe in den Händen. Er stierte sie an und blinzelte mehrmals verwirrt, ehe er sie an ihren Platz zurück stellte. Dann stand er auf. Vorsichtig, unsicher. Taumelnd bewegte er sich zur Tür des Badezimmers. Bevor er sie öffnete, sah er noch einmal zurück. Der fahle Schein der Lampe zeigte ihm nur das große, schwere Bett mit zerknüllter Bettwäsche, den Nachttisch, ein Stück des weitläufigen orientalischen Teppichs und die dunkle Tapete. Der Rest des Raumes verbarg sich. War dies immer so? Jäh zog er die Tür auf und schob sich ins Badezimmer. Wieder ein Schalter, dann war es hell. Das Licht zeigte gelben Marmor, Fliesen mit Lilienrelief und glänzende Armaturen unter einem großen Spiegel in geschwungenem Rahmen. Als er hineinsah, starrte ihm ein fremdes Gesicht entgegen. Er berührte das Glas und begriff erst dann, dass es sein eigenes sein musste. Dieser müde und doch unverbrauchte Mann, dessen grau meliertes, einst wohl dunkelblondes Haar auf ein Alter jenseits der Lebensmitte schließen ließ, musste wohl er selbst sein. Noch eine Weile betrachtete er sich ungläubig.

Als er sein Esszimmer betrat, war es anders. Nicht das Zimmer, obwohl er sich dessen gar nicht mal sicher war. Aber er erinnerte sich daran, wie er hierher gelangt war, in dieses Zimmer. Es war, als erinnerte er sich zum allerersten Mal an irgendetwas. Er setzte sich in seinen Stuhl, der mit seinem dezent bestickten Polster und den geschwungenen Lehnen mehr ein Sessel war, und fand mit Verwunderung einen Teller und eine Tasse vor. Der Teller beherbergte mehrere Scheiben Toast, Wurst, Käse, Rührei und Speck, aus der Tasse dampfte Kaffee. Es überkam ihn, dass er nicht groß über die Herkunft dieses Essens wunderte, sondern es lieber dankbar hin- und zu sich nahm. Während der aß, besah er sich sein Esszimmer. Es war mehr ein Saal, der Tisch glich einer Tafel und bot einem duzend jener sesselgleichen Stühle Platz. Die Wände zierten aufwendig gemusterte Tapeten und zwei enorme Gemälde, die ihm unbekannte Personen porträtierten. An der ihm gegenüber liegenden Wand fand sich eine weitere Tür, nachdem er sein Frühstück beendet hatte, näherte er sich ihr. Sie war verschlossen. Ein Blick durch das Schlüsselloch offenbarte nur Schwärze. Er ließ es dabei bewenden und verließ das Zimmer durch die Tür, die ihn hineingeführt hatte. Nun befand er sich also im Eingangsbereich. In ihn mündete auch die Treppe, die ihn zurück in sein Schlafzimmer führen würde. Er aber durchschritt den hohen Raum, bis er an einer geschnitzten, zweiflügeligen Tür Halt machte. Er vermutete darin den Weg nach draußen, doch sie ließ sich nach außen öffnen und eröffnete ihm einen noch höheren Saal. Der Boden war getäfelt und die Wände bildeten ein einziges, berstendes Bücherregal. Einige Stufen führten im hinteren Abschnitt des Saales zu einem Möbel, das wohl ein gewaltiger Schreibtisch sein mochte. Trotz seiner Überwältigung beließ er es bei einigen staunenden Blicken und kehrte in die Empfangshalle zurück.

Eine letzte, weniger imposante Tür führte in einen langen Flur, an dessen Ende sich eine verglaste Tür befand. Zu beiden Seiten der Tür ragten Fenster auf, die ebenso aussahen. Sie alle zeigten nur Schwärze. Er schritt ein Stück den Flur hinab, bis er bemerkte, dass sich rechts von ihm noch eine große Tür befand. Er musste sie zunächst übersehen haben. Zufrieden stellte er fest, dass sie sich nach innen öffnen ließ. Doch er hielt inne. Was erwartete er da draußen? War es noch immer Nacht? Als er die Tür nur einen Spalt breit öffnete und hindurch spähte, sah er Metall. Wenige Zentimeter von seiner Nase entfernt. Erst wich er zurück, öffnete die Tür dann aber weiter. Hinter dieser massiven Holztür verbarg sich eine weitere, stählerne Tür. Diese wies ein geordnetes Muster an Nieten auf und war ungewöhnlich stumpf und rostfleckig. Fast zu hoch prangte ein unbeweglich anmutendes Handrad. Kaum einen Finger breit Abstand war zwischen ihm und dem gebürsteten Stahl der Tür. Kurz zögerte er, ergriff dann aber doch das Rad und drehte. Nur langsam und unter protestierendem Quietschen gab das Gewinde nach. Immer leichter gelang es ihm, das Rad zu bewegen, bis er nochmals einen leichten Widerstand spürte. Er drehte noch einmal und mit einem Zischen löste sich die Tür ein Stück weit aus ihrem Rahmen. Er drückte sie nach außen und sie schwang auf. Gleißend fiel das Tageslicht hinein.

Er erwachte, und auch an diesem Morgen war es dunkel. Seine Hand griff nach seiner Stirn. Fieber. Er beschloss, liegen zu bleiben. Er erinnerte sich an den vergangenen Tag. Den ersten Tag seines Lebens, wie ihm schien. Den einzigen Tag. Er erinnerte sich an jeden Moment jenes Tages, bevor er wieder einschlief.

Er erwachte, und auch an diesem Morgen war es dunkel. Seine Hand lag still neben ihm. Es blieb dunkel.

Er erwachte nicht. An diesem Morgen war es hell.

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