Etwas, an das ich glauben willin Lyrik

Ein Beweis?in Philosophie

«4/5» Philosophie

In letzter Zeit stark überarbeitet und nun endlich lesbar. In Rohfassung habe ich noch mehr davon …

De natura temporis

Vom Wesen der Zeit

Es gibt so vieles, worüber man sich Gedanken machen kann. Damit meine ich nicht all diese Wehwehchen und Alltagsprobleme, die uns oft so gravierend erscheinen. Ich meine nicht einmal die so genannten „großen Fragen“ der Weltpolitik. Dann, wenn wir unsere ganze „Welt“ – unsere Kultur, unsere Gesellschaft und unser kleines, privates Leben – einmal außer Acht lassen und uns fragen, was unser Universum wirklich bewegt und zusammenhält, drängt sich die Erkenntnis auf: Wir sind es nicht; zumindest nicht mit einer Wahrscheinlichkeit, die sich mit bloßem Auge erkennen ließe …

Eine dieser wirklich hintergründigen Fragen, jener wirklich denkwürdigen Probleme ist die Sache mit der Zeit. Tatsächlich scheint es auch vordergründig nichts Entscheidenderes für den Menschen zu geben. (Gut, da ist noch das Geld, aber das ist ja nach landläufiger Auffassung dasselbe …) Doch fragt man sich einmal ernsthaft, was Zeit denn im Grunde genommen ist, so kommt man zunächst nur zu dem wenig befriedigenden Schluss: „Zeit is’, was auf’er Uhr steht.“ Aber das bietet uns bei näherer Betrachtung wenigstens schon einmal einen Anhaltspunkt. Denn: Was misst die Uhr denn tatsächlich? Sie misst nichts anderes, als eine Veränderung. Das klingt jetzt vielleicht wenig einleuchtend, aber man stelle sich einmal vor, man würde nur für einen Sekundenbruchteil leben (und es irgendwie fertig bringen, sich dabei hinreichend fortzupflanzen). Wie wäre es, nur einen einzigen Moment wahrzunehmen? Wäre dann während des eigenen Lebens Zeit vergangen? Diese Situation lässt sich gut mit einem Foto vergleichen. Eine Foto ist ja eine Momentaufnahme. Hat man bei der Betrachtung eines Fotos also das Gefühl, dass darin Zeit vergeht? Nein, im Bild geschieht nichts, es wird nichts. Alles ist bloß, die Zeit steht still. Anders jedoch im Film: Hier haben wir es mit einer Folge von Bildern, von Momenten zu tun. Das Bild, das wir zuerst sehen, verändert sich, Zeit vergeht. Der knackende Punkt ist der, dass wir im Film (wie im Leben) die Möglichkeit haben, zu vergleichen. Wir vergleichen das erste Bild mit den folgenden und diese wieder untereinander. Ebenso macht eine Uhr (wie jedes Messinstrument) nur dann Sinn, wenn wir vergleichen können. Was würden uns die Zeiger schon sagen, wenn wir nicht wüssten, sie standen vorhin noch anders? Nicht mehr, als jene Uhren aus Zucker, die stets 06:30 anzeigen. Es ist also eigentlich gar nicht die Uhr, welche die Veränderung misst, sondern der Mensch. Er vergleicht die Stellungen der Zeiger (bzw. die aufleuchtenden Ziffern) und zieht daraus seine mehr oder minder klugen Schlüsse; etwa: „Jungejunge, bannig spät für die Uhrzeit!“

Wenn wir also sagen (und das können wir), dass wir Zeit durch Veränderung wahrnehmen, so heißt das nichts anderes als: Zeit ist ein Maß für Veränderung. Denn Zeit ist virtuell, das heißt: Sie ist nur ein gedankliches Modell, sie existiert nur in unseren Köpfen. Ebenso kann man sagen, dass Farbe ein Maß für die Frequenz das Lichts ist, denn Farbe entsteht erst in unserem Bewusstsein. Und im Umkehrschluss lässt sich wieder sagen, man nähme Farbe über das Licht wahr. Zeit ist also eine Erfindung des Menschen, wenig mehr als ein Begriff. Veränderung aber ist real. Das führt uns zu der Frage: Was, bitteschön, verändert sich denn? Im Falle der Uhr ließe sich natürlich sagen: Die Stellung der Zeiger. (Bleiben wir der Einfachheit halber bei einer analogen Uhr.) Nun lässt sich aber weiterfragen, schließlich bewegen sich die Zeiger nicht aus Spaß an der Freud’. Also, die Zeiger bewegen sich, weil sich Zahnräder bewegen, die sich wiederum bewegen, da sich eine Feder entspannt, die sich deshalb entspannt, weil … etc. Das alles führt uns zu einer endlosen Kette kausaler Zusammenhänge, die letztlich darauf hinauszulaufen scheint, dass Gott entgültig keine Lust mehr auf Solitäre hatte. Was aber nehmen wir von alledem war, was verändert sich für uns? Es sind eben jene Momente, die schon beim Foto-Film-Vergleich eine Rolle spielten. Momente sind hierbei die eigentliche Maßzahl der Zeit. Ein Moment ist der Begriff für die Menge an Informationen, die wir gleichzeitig verarbeiten bzw. als gleichzeitig wahrnehmen. Für uns, für den Menschen, verändert sich also die Information oder einfach die Wahrnehmung. Doch lässt sich dieses „Moment-Maß“ auf unsere gängigen Zeiteinheiten umrechnen? Wie viele Momente nehmen wir in einer Sekunde wahr? Darüber kann man nur schwammige Aussagen machen. Schließlich kennt jeder das Phänomen der „subjektiven Zeitwahrnehmung“. Die Anzahl der aufgenommen Moment (bzw. „Informationsbündel“) hängt nun einmal davon ab, als wie wichtig die Information aufgefasst wird. Und diese Bewertung erfolgt unterbewusst. So besteht auch ein Unterschied zwischen der Menge an Information, die verarbeitet wird, und der, die bewusst registriert wird. Vermutlich lassen sich nicht einmal sichere Grenzwerte für die menschliche Wahrnehmung festlegen.

Dennoch steht bei jedem Bundesbürger in etwa dasselbe auf der Uhr (sofern diese denn richtig eingestellt ist und funktioniert). Also scheinen zumindest diejenigen physikalischen Gegebenheiten, welche die Zeiger rotieren und die Displays blinken lassen, mit einer gewissen Stetigkeit zu wirken. Überhaupt fußt unsere Zeitmessung ja darauf, dass sich unsere wohlbeleibte Mama Erde mit hübscher Regelmäßigkeit um sich selbst und um die Sonne und kreuz und quer durch das Universum dreht (einmal ganz objektiv betrachtet). Aber – großes Aber – ist das wirklich so? Ist wirklich jedes Jahr ein Jahr lang? Nun, zumindest scheint sich unser Erdball bisher stets 365 und ca. ein Viertel Mal so schnell um sich wie um die Sonne gedreht zu haben. Wäre doch aufgefallen, wenn die Bäume schon (oder noch) zu Weihnachten ausgeschlagen hätten … Es scheint also eine gewisse gleichmäßige Dynamik zu geben. Das sagt allerdings nichts über den Zeitverlauf an sich aus, um ihn beurteilen zu können würde man einen festen Punkt in der Zeit benötigen. Ebenso wenig kann man im Weltall treibend sagen, in welche Richtung man gerade treibt. Es gibt einfach keinen solchen festen Punkt, der zum Vergleich dienen könnte. Ohne Vergleich gibt es eben keine Wahrnehmung.

Besondere Beachtung verdient noch die heilige Dreifaltigkeit des menschlichen Zeitbegriffes: Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Sie bilden die grundlegenden Kategorien unseres „Zeit-Denkens“. Die Gegenwart ist vorbei, sobald sie begonnen hat. Und sie beginnt, sobald sie vorbeigegangen ist. Gegenwart ist immer. Gegenwart ist streng genommen die einzige des temporalen Triumvirats, die real existiert. Sie ist eigentlich nur ein Moment, besser gesagt: der Moment. Ihre Dauer ist also wieder von der Geschwindigkeit unserer Wahrnehmung abhängig. Sie existiert so lange, bis wir uns dem nächsten Moment zuwenden. Das ist natürlich wieder sehr subjektiv. Man denke sich ein sehr langsames Lebewesen (wobei „langsam“ hier nur heißen kann und soll: „langsamer als der durchschnittliche Mensch“), das sich sehr lange mit den Informationen eines Momentes beschäftig, bevor es neue aufnimmt. Ich denke dabei immer an eine gewaltige, um nicht zu sagen: galaktische!, Schildkröte … Warum nur? Also, solch ein Lebewesen empfindet den aufgenommenen und gerade in Verarbeitung bzw. Wahrnehmung befindlichen Moment als Gegenwart. Uns zum Beispiel erscheint der betreffende Moment sehr bald jedoch schon als Vergangenheit. Apropos Vergangenheit, die gehört wieder in die Kategorie „Virtuell und trotzdem immer flüssig“. Sie existiert nicht, schon gar nicht real, höchstens in unseren Köpfen. Dort wird sie von einer Auswahl eben vergangener Momente repräsentiert, als Erinnerung. Trotzdem oder gerade deshalb ist sie nicht wirklich in Stein gemeißelt. Vielmehr in Fleisch, und das ist formbar. So ist die Erinnerung natürlich gleichsam subjektiv wie die gegenwärtige Wahrnehmung. Außerdem verändert sie sich auch fortwährend: Teile verblassen, werden vergessen, andere werden ergänzt, verwechselt und neu und anders wieder hinzugefügt. Davon merkt man natürlich nicht viel, wieder fehlt der Vergleich. Wie sollte man sich schließlich daran erinnern, wie man sich früher an was erinnert hat? Natürlich verändert auch das schönste mentale Chaos nicht das, was wirklich geschah, aber das spielt auch gar keine Rolle. Einerseits ließe sich die Vergangenheit eh nicht objektiv betrachten und andererseits – und das ist noch weitaus wichtiger – wird das menschliche Tun doch sehr viel mehr durch das bestimmt, was der Mensch für geschehen hält. Bleibt also die Zukunft. Sie existiert natürlich auch nicht, wird sie auch nie. Sonst wäre sie ja Gegenwart. Die Zukunft bilden Erwartungen, Hoffnungen, Ängste – all das von dem wir uns vorstellen können, dass es geschehen bzw. irgendwann gegenwärtig werden könnte. Deshalb kommen Überraschungen auch immer so unerwartet. Die tatsächliche Gegenwart kann sich gar nicht aus der Zukunft entwickeln, da sie eh nie den Erwartungen entspricht. Und wenn dann auch noch die wirre Erinnerung im Bewusstsein herumpfuscht, kann man eigentlich schon überhaupt nicht mehr sicher sagen, ob man etwas jetzt vorhergesehen hat, oder ob man sich im nachhinein einfach nur eine entsprechende Prognose seinerseits zu erinnern glaubt.

Alles in allem war die Zeit wohl eher eine unausgegorene, stiefmütterlich und halbherzig vernachlässigte Schnapsidee der Menschheit. Schlussendlich fehlt nur das Ende jener Kausalkette, welche angeblich mit der puren Langeweile Gottes begann. Wenn man nämlich jenem Menschenschlag Glauben schenken darf, der Wissen schaffen will (und dem vermutlich auch jene angehörten, die uns die ganze Suppe eingebrockt haben), so muss auch die Zeit mal enden. Und zwar genau dann, wenn jede Kraft entkräftet, jedes Teilchen verteilt und das ganze All gleichmäßig warm ist. Dann hat die Entropie gesiegt, dann verändert sich nichts mehr. Und, wir erinnern uns, keine Veränderung bedeutet: Keine Zeit.

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