Miseria in fortuna [Unglück im Glück]in Lyrik
Mutatio in somno
Der Wandel im Schlafe
Zarte Hand verdeckt ihr Gähnen, kaum spürt die Stufe ihren Tritt. Müde, doch voll Glanz und Anmut, trägt sie die Treppe, Schritt für Schritt,
Aufwärts in ihre Gemächer, lautlos fast schließt sie die Tür, blickt zum Mond, der durch sein Strahlen, ihr, so scheint es, dankt dafür.
Und nun hängt sie voller Sorgfalt die herrlichen Gewänder weg, wäscht sich rasch, löscht noch die Kerzen und legt sich würdevoll zu Bett.
Leis’ geht der Wind durch die Gardinen, ebenso wie durchs Geäst der stolzen Eiche vor dem Hause, die ihr Blattwerk rascheln lässt.
Plötzlich zeichnet sich vorm Fenster, dunkel, mehr noch als die Nacht, zuerst nur starr und unbeweglich, ein rätselhafter Schatten ab.
Schon ist er fort, hinaus, entschwunden, gleich einem vergessnen Traum, doch sehr bald erscheint er wieder, dort, im alten Eichenbaum!
Grazil steigt er den Stamm hinunter, kein’ Ast, kein’ Vorsprung er verfehlt, als er im wehnden Nachtgewande schon auf fester Erde steht.
Eilig läuft er dann hinüber, zu der Nachbarn Haus und Heim und steigt ohne Laut, wie immer, ins wohlgewählte Fenster ein.
Schlafestrunken und doch lieblich, reckt sie sich, vertreibt den Schlaf, wischt hinweg den düstren Schleier, den er schützend um sie warf.
Flink steht sie auf, macht sich fertig, geht abwärts in die Stube bald, erwartet froh den Morgengruße, so wie er jeden Tag ihr galt.
Doch trifft sie nur trübe Mienen, und mit viel Beherrschung nur bleibt sie standhaft, doch erschüttert, als sie das Neuste nun erfuhr:
„Ich möcht’ nicht lange Reden halten, drum sag ich’s Ihnen frei heraus: Des Nachbars Gattin ist verschieden – Mord geschah in ihrem Haus.“
So hört sie den Boten reden, derweil erfüllt sie neuer Schreck, so sah sie doch auf ihrem Nachtkleid noch eben – einen roten Fleck.
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