Risiken und Hiebewirkungenin Lyrik

Das Ende der Ewigkeitin Prosa

«9/14» Prosa

Diese leicht satirische Fantasy-Geschichte spielt in einer von mir entwickelten, quasi „tolkin’schen“ Welt – komplett mit fremden Sprachen etc. Dazu vielleicht später mehr. Der Titel ist noch provisorisch. Wird übrigens fortgesetzt.

Kapitel: 1 | 2 | 3

Wo?

Wo?“, rief Keren und stolperte auf die für ihn typische Weise aus der Tür. „Hm, welch eine Frage … Ist das ‚Wo’ denn wichtig, wenn doch alles Wichtige hier ist?“ Kerens Aufregung legte sich ein wenig. Auch wenn er ihren Sinn bisher nie verstanden hatte, so vermochten es die Antworten des Alten doch zumindest, ihn zu beruhigen. Wenngleich auch die Ruhe nur eine Nebenerscheinung der Verwirrung war, die sie bei ihm hervorriefen. „Na schön, Alter …“, begann Keren noch einmal von vorn, „Wo ist das Unglück geschehen?“ „Geschieht es nicht überall auf dieser Welt? Allerorts und jederzeit?“ Wieder schüttelte Keren den Kopf. „Ja ja, natürlich … Also noch mal: Wo ist mein Bruder? Mutter sagte, du wüsstest das.“ Der Alte hob kaum merklich die Brauen, ohne jedoch seine Augen zu öffnen. „Ooh … ja … Ich weiß, wo er sich zuletzt befand.“ Seine Brauen senkten sich wieder. „Na prächtig!“ „Ja … Es ist nicht das Schlechteste, solcherlei Dinge zu wissen.“ „Glaub ich gern“, Kerens Ungeduld überschattete allmählich seine Sorge, „Doch was hältst du davon, dein Wissen zu teilen?“ „Gut, gut … Weisheit kann sich nur mehren, wenn man sie weitergibt …“ „Dann sag mir doch bitte endlich, wo mein Bruder ist!“ „Wie kann ich solches wissen?“ Keren begann zu verzweifeln. Gerade wollte er noch eine Spur energischer Fragen, als der Alte anscheinend fortfuhr. „Aber …“ Es folgte wieder eine Pause und Keren sah ihn gespannt an. „Aber dennoch …“ Die Augen des jungen Mannes weiteten sich. „Dennoch kann ich dir sagen …“ Keren begann zu zittern. „… wo ich ihn zuletzt gesehen.“ „Jaaaaa ….?“, forderte er den Alten auf, sein Geheimnis preiszugeben. „Es war …“ Pause. „… etwa …“ Erneute Pause. „… hier!“, triumphierte der Alte und deutete rund drei Schritt vor sich auf den Boden. Gerade wollte Keren aufgeben, da fügte der Alte mit ungekanntem Elan hinzu: „Doch dann …“ Er versuchte sich zu erinnern. „Dann ging er fort ….“ „Und zwar … dort entlang!“ Sein Finger zeigte noch immer in dieselbe Richtung. Kerens Blick folgte ihr bis zu einem Hügel. Kopfschüttelnd stolperte er auf die für ihn typische Weise los. „Ja …“, murmelte der Alte weiter, „Was tätet ihr nur ohne eure Ahnen …?“ Niemand hörte ihn.

Keren lief und lief. Das heißt, man musste wissen, dass er lief, um es zu erkennen. Es sah eher so aus, als stolperte er bei jedem Schritt. Allerdings im Zeitraffer. So erreichte er unerwartet schnell die Spitze des Hügels und es schien ein Wunder, dass seine Beine noch am rechten Fleck waren. Und vor allem noch in einem Stück. Er spähte vom Hügel herab nach Nord-Westen. Dann nach Nord-Nord-Osten. Dann nach West-Süd-Westen. Dann verlor er die Orientierung. Der Alte beobachtete ihn, scheinbar mit noch immer geschlossenen Augen, und winkte ihm zu. Keren sah den Alten winken, den er sah mittlerweile nach Osten, und wusste endlich wieder, in welche Richtung er musste. Also lief er weiter, den Hügel hinab nach Westen. Die unmögliche Folge von Bewegungen, die er dabei vollführte, ließ einen meinen, seine Knochen knacken zu hören.

Schließlich kam er an den Rand des Brehn-Waldes. Ebenfalls dort war ein kleiner Junge, den Keren als Freund seines Bruders erkannte. „He, Arden, ist mein Bruder Genn bei dir?“ „Was?“ Arden drehte sich um. „Oh, Keren. Nein… das heißt, ja, er war bei mir.“ Keren fühlte sich schon fast erleichtert. „Und, wo ist er nun?“ Arden deutete auf den Wald. „Da. Glaub ich.“ „Glaubst du?“ „Ja.“, antwortete Arden und steckte sich den Finger in die Nase. „Äh… Und warum glaubst du das?“ „Hab ihn reingehen sehn.“ „Aha, also weißt du es.“ „Was?“ „Dass er darin ist.“ „Nein.“ „Und warum nicht?“ Keren hatte ganz allmählich den Eindruck, Popel seien das einzige, was man Arden nicht selbst aus der Nase ziehen musste. „Na, er könnte inzwischen ganz woanders sein.“ „Aha.“, erwiderte Keren und merkte, dass ihm langsam die Argumente ausgingen. „Weißt du den wenigsten, was er dort im Wald wollte?“ „Ja. Glaub ich.“ „Und …“ „Pinkeln.“ „Wie?“ „Er wollte pinkeln … !“ „Oh.“ Keren wollte ihn noch fragen, ob er ihm nicht helfen könne, Genn zu suchen. Doch Arden war offensichtlich mit seiner Nase zur Genüge beschäftigt. Also hörte er auf, ihn zu löchern, was ganz in Ardens Interesse lag, und ging in den Wald.

Nach einigen Schritten blieb er stehen und horchte. Plätscher, plätscher. Aha, dachte Keren, da lässt doch einer Wasser! Erst wollte er rufen, doch dann hielt er es für pädagogisch sinnvoller, beziehungsweise lustiger, Genn zu erschrecken. So schlich er sich heran. Das Plätschern wurde lauter … Das Plätschern wurde noch lauter … Das Plätschern wurde ein Pladdern … Das Plätschern wurde so laut, dass es unmöglich von einem kaum sieben Jahre alten Knaben stammen konnte. Keren wunderte sich. Er lugte aus seinem Versteck. Er spähte, er blinzelte … … und erschrak. Vor ihm hockte eine zierliche junge Frau. Ihr Rücken war zu ihm gewandt und sie schien ihn nicht bemerkt zu haben. Ein mattes Licht ging von ihr aus und Keren konnte seinen Blick nicht von ihr abwenden. Ihm fiel das Pladdern wieder auf. Natürlich stammte es nicht von ihr. Es stammte von dem kleinen Quell, der neben ihr aus einem Felsen, nun ja, quoll. Keren konnte sich immer noch nicht von ihr lösen. Seine Füße vermochten dies sehr viel besser. Diese zogen es allerdings vor, sich vom Boden zu lösen, was daran lag, dass Kerens Haltung nicht gerade viel Statik aufwies. So fiel er gemächlich, wie in Trance, um. Sein Aufprall war jedoch weit jäher. Und zudem auch weit geräuschvoller. Das Mädchen sprang auf und drehte sich dabei zu ihm um. Zu seiner Überraschung war sie bewaffnet. Sie hielt mit beiden Händen eine Sichel in seine Richtung von sich gestreckt. „Wer bist du?“ „Ich …“, brachte Keren nur heraus und stand auf. „Was tust du hier? Was willst du von mir? Rede!“ „Äh …“ „Na los! Rede! Oder ich schreie!“ „Ah …“ Keren sortierte die Fragen in seinem Kopf und faste den Entschluss, sie einfach ohne viel Rhetorik nacheinander abzuarbeiten. „Keren … Meinen Bruder suchen. Nichts.“ „Was?“ „Also, …“ „Wird’s bald?“ Keren entschied, er müsse schneller antworten, als dass sie ihn dazu auffordern konnte. „IchbinKerensuchemeinenBruderundwillüberhauptnichtsvondirzumalichnochnichteinmalweißwerdubist.“ „Hä?“ „Also …“ „Sag mir endlich, wer du bist und was du willst und …!“ „Jetzt sei doch mal still und lass mich, verdammt noch eins, ausreden!“, unterbrach er sie. Zu seiner neuerlichen Überraschung verstummte sie. „Besser. Also …“, begann er und vergewisserte sich, dass sie auch wirklich zuhörte, indem er sie streng ansah, „Mein Name ist Keren.“ Er sagte dies betont langsam: „Ich bin hier, um meinen kleinen Bruder zu suchen. Er heißt Genn. Und ich will nichts von dir. Es wäre aber sehr hilfreich, wenn du mir sagen würdest, ob du meinen Bruder gesehen hast.“ „ … „, war ihre Antwort. „Von mir aus kannst du jetzt wieder was sagen.“ „ … „ „Allerdings wäre ich dir dankbar, wenn du die Sichel runternehmen würdest.“ „Oh …“, entfuhr es dem Mädchen. Es schwankte leicht. Nach einer kurzen Pause sank es langsam zusammen und schien bewusstlos zu sein. Keren überlegte, ob er sie wecken oder wegtragen solle, dachte dann aber wieder an seinen Bruder und ließ es sein. Wahrscheinlich war es besser für beide. Er beugte sich niedergeschlagen der Erkenntnis, dass offensichtlich niemand gewillt war, vernünftig mit ihm zu reden. Ein weiteres Mal schüttelte er den Kopf und stolperte auf die für ihn typische Weise mit großen Schritten weiter.


Nach einer Weile wurde Keren bewusst, dass er seinen Bruder unmöglich in diesem Wald finden würde, wenn er nur stur in eine Richtung lief. Also hörte er zunächst einmal damit auf. Er dachte nach. Dann horchte er abermals. Wenn er mit Pinkeln fertig ist, so fiel ihm ein, und das wird er ja wohl mittlerweile der Fall sein, dann wird er doch wieder zu Arden zurückgehen … Triumphierend und berauscht von der Brillanz seiner Überlegung vergaß er völlig, aus welcher Richtung er gekommen war.

An dieser Stelle ist es vielleicht hilfreich zu erwähnen, dass der Brehn-Wald, wie die meisten Wälder jener Tage, in keinster Weise den Wäldern entsprach, die man heutzutage gewohnt ist. Moderne Wälder sind im Prinzip verzweigte Alleen, also breite Wege mit Bäumen darum. Früher waren die Wege schmal, düster und uneben; heute sind es eher die Bäume, die man suchen muss. Nun, der Brehn-Wald ging noch einen Schritt weiter. Einen Schritt weiter zurück, wohlgemerkt. In dem Bewusstsein, wie schlecht die damaligen Wege waren, hatte man sie wohlweißlich einfach weggelassen. In solchen Wäldern, die man wohl getrost als ‘Urwälder’ bezeichnen konnte, gab es nur zwei Dinge, die einen hineinstolpernden Wanderer retten konnten: Ein guter Orientierungssinn oder, besser noch, ein Kompass. Keren besaß keines von beiden. Dennoch hatte er einen Vorteil; er war schon häufiger hier gewesen. Und er hatte sich auch schon häufiger hier verlaufen. Also musste er sich nur bemühen, die Pfade zu meiden, auf denen er sich sonst verirrt hatte.

Kerens Verzweiflung wurde vom Lärm eines heranstürmenden Kriegers unterbrochen. Instinktiv lief Keren davor weg.

Natürlich wusste Keren in diesem Moment nicht, dass es sich um einen Krieger handelte. Er hörte lediglich jemanden laufen. Und er hörte etwas dabei klirren, das er, ebenfalls instinktiv, als Waffen erkannte. Doch wer möchte schon Sätze lesen wie: Kerens Verzweiflung wurde vom Lärm einer heranstürmenden Person, die bewaffnet zu sein schien, unterbrochen. Sie etwa? Wenn ja, dann werde ich Sie jetzt mit diesem Satz allein lassen und Sie können sich in Ruhe an ihm erfreuen. Alle anderen begleiten mich bitte zu den nächsten Sätzen. Selbstverständlich konnte er sich nicht einmal sicher sein, dass es sich um eine Person handelte. Selbst dann nicht, wenn man mit ‘Person’ alle intelligenten Völker umschreibt. Es hätte folglich heißen müssen: Kerens Verzweiflung wurde vom Lärm eines heranstürmenden Etwas, das er für eine Person hielt, die bewaffnet zu sein schien, unterbrochen.

Als der Lärm näher kam – das war dank Kerens halsbrecherischer (oder besser: beinbrecherischer) Art zu laufen unvermeidlich –, erkannte er, dass seine Vermutungen richtig gewesen waren. Es war eine Person und sie war bewaffnet. Er hatte jedoch nicht damit gerechnet, dass die Person weiblich war. Außerdem war die Kriegerin – sie hatte Keren eingeholt – nicht menschlich, sondern gehört zum Volke der Mui Xuan, einer Art von Katzenmenschen. „Was wollt ihr von mir?“, fragte Keren angsterfüllt. Er hoffte, sie würde ihn verstehen können. Und er hoffte, sie würde, wenn sie ihn denn verstünde, mit ihm reden. „Was?“ Die Kriegerin schien in zu verstehen. Sie beherrschte die Sprache der Menschen sogar ausgesprochen gut. Zumindest was die Aussprache betraf.* „Oh, möchte er auch joggen?“ „Wie bitte?“ „Ob er auch joggen möchte.“ „Wer?“ „Na, er.“ Die Erläuterungen der Kriegerin verschlimmerten Kerens Verwirrung nur. Während sie sprachen liefen sie weiter. „Äh…“ Keren erinnerte sich an das, was er über Mui Xuan gelernt hatte. „Äh… meint ihr mich?“ „Genau.“ „Aha.“ „Hat er einen Namen?“ „Wie? Oh, natürlich. Keren.“ „Ach, verzeihe er, was heißt das letzte Wort?“ „Äh, nichts. Es ist mein Name.“ „Ah, so heißt er Keren. Sie heißt Muaru.“ „Wer? Ach… Ich verstehe.“ „Hatte Keren nicht eine Frage? Verzeihe er, sie hat sie nicht verstanden.“ „Ja, genau. Ich fragte, was ihr von mir wollt.“ „Oh, sie will nichts von ihm. Sie hat ihn auch gar nicht bemerkt, ehe er sie ansprach. Ach, und bitte habe er keine Furcht vor ihr, sie ist nur hier, um zu joggen.“ „Joggen? Hier im Wald?“ Kaum jemand joggte dieser Tage im Brehn-Wald. Er war dunkel, kalt und, wie bereits erwähnt, ihm fehlten die Wege. „Natürlich nicht. Dieser Wald eignet sich wohl kaum dazu. Nein, anfangs wollte sie im Horr-Wald joggen, doch dann verschlug es sie hierher.“ Keren kannte die Wälder der Umgebung, doch ein Wald dieses Namens gehörte nicht dazu. „Horr? Wo ist denn das?“ „Im Osten. Einige Tagesreisen von hier.“ „Seit ihr von dort bis hierher gelaufen?“ Keren bemerkte gerade als er seine Frage beendet hatte, wie unsinnig diese war. Es konnte einfach nicht sein, dass diese Xuan bereits seit mehreren Tagen lief. Gerade wollte er sich für seine Dummheit entschuldigen, da antwortete Muaru schon: „Ja.“ „Bitte entschuldigt“, begann Keren und erkannte plötzlich die Bedeutung der Antwort. „Äh… Wie?“ „Ja. Muaru läuft bereits seit einer halben Woche.“ „Oh… Äh… Ja…. Warum?“ „Ihr Baum ist weg.“ Keren überlegte. Schließlich hatte er den Satz seinem Verständnis entsprechend umgeformt. Er ergab noch immer keinen Sinn. „Euer, äh, Baum?“ „Ja. Es ist ihr Lieblingsbaum, sie hat ihren Namen hineingeschnitzt. Muaru läuft immer bis zu diesem Baum und zurück.“ „Ah, ja. Und dieser… Baum… ist im Brehn-Wald?“ „Natürlich nicht.“ „Oh, natürlich …“ „Sie weiß nicht, wo er ist.“ „Ach…“ Keren hatte allmählich ernstlich den Verdacht, etwas nicht mitbekommen zu haben. „Entschuldigt, könntet ihr mir das bitte erklären?“ „Gut, es ist wirklich ganz einfach. Sie wollte also eines Tages laufen. Bis zu ihrem Lieblingsbaum, wie immer. Sie läuft und läuft und läuft und der Baum ist weg.“ „Vielleicht seid ihr dran vorbei gelaufen.“ „Neinnein, Muaru war doch an der Stelle, an der der Baum immer war!“ „Aber, wenn der Baum weg war, dann wird ihn doch sicher jemand gefällt haben.“ „Bestimmt.“ „Und dann ist er jetzt wahrscheinlich ein Brett oder so was.“ „Mag sein.“ „Ja aber… Wie wollt ihr ihn dann finden.“ „Na, ihr Name steht doch darauf.“, erwiderte Muaru und wurde schneller. Keren sah sie bereits im Dickicht verschwinden, als seine Beine ihm mitteilten, dass er noch immer lief, und dass sie den Schmerz nicht davon abhalten könnten, dies zu bestätigen. Er gehorchte und wurde langsamer.


Bei alledem hatte Keren natürlich vergessen, die Wege, die er kannte, zu meiden. Nun befand er sich zweifellos auf einem Weg, den er schon einmal gegangen sein musste. Er erkannte es daran, dass er sich nicht an ihn erinnerte. Doch als die stummen Protestparolen seiner Beine leiser wurden und sie ihren Streik langsam beendeten, fand Keren tatsächlich einen Weg, sich zu orientieren. Er war zu der Erkenntnis gelangt, dass er den Wald erst einmal in irgendeine Richtung verlassen sollte. Und da ihm der Wald ihm Süden etwas weniger düster zu sein schien, mutmaßte er, in dieser Richtung würden ihn weniger Bäume vom Rest der Welt trennen. Natürlich war er sich nicht im Klaren darüber, dass die betreffende Richtung Süden war.

Inzwischen war Genn natürlich fertig damit, sich zu erleichtern. Er kam aus dem Wald und ging wieder zu Arden. Genn kannte ihn natürlich und so wusste er, wie sinnlos es war, mit ihm zu reden. Also fragte er nichts und Arden sagte nichts. Sie spielten noch eine Weile herum, dann gingen sie nach Hause.

Keren war also – ohne es zu wissen – südwärts gewandert, als er sich dem Waldrand nahe wähnte. Das Licht, das nun zwischen den Bäumen hindurchbrach, ließ ihn die Augen schließen. Offenbar den Umstand vergessend, dass er so nicht sah, taumelte er also weiter. Selbstverständlich fiel er hin. Doch er fiel auf weiches Gras; am Saum einer saftigen Wiese, deren leuchtende Blumen einen betörenden Duft verströmten und deren weiche Erde nur ungefähr zur Hälfte mit Kieseln versetzt war. Somit verhielt es sich eher so: Keren fiel auf einen Haufen staubigen Gerölls und zerdrückte dabei zufällig ein oder zwei Grashalme.

Schnell stand wer wieder auf und klopfte sich, unauffällig und erfolglos, den Staub aus seinen Kleidern. Als er aufsah, hielt er inne. Zunächst fiel ihm auf, dass er sich keineswegs außerhalb des Waldes befand. Vielmehr stand er auf einer gewaltigen Lichtung. Aber was seinen Blick eigentlich bannte, war ein kleines Schloss inmitten der Wiese. Taumelnd bewegte er sich darauf zu. „Hilfe. So rettet mich doch.“, tönte es gelangweilt vom Schlosse her. Keren brauchte eine Weile, um das, was er hörte, als Hilferuf zu erkennen. Er begann zögernd zu laufen. „Hilfeohhilfewarumhilftmirdennniemand?“, erklang es erneut. Diesmal noch eine Spur monotoner. Keren wurde wieder langsamer. Er schaute überaus verwirrt drein und näherte sich nun eher vorsichtig dem Schloss. Als er näher gekommen war, sah er eine junge Frau. Zu seiner unwillkürlichen Überraschung war sie nicht bewaffnet. Sie saß auf einem kleinen Balkon über der Pforte des kleinen Schlosses, stützte ihren Ellenbogen auf die Balustrade und ihr Kinn auf ihre Hand. Sie gähnte herzhaft, als Keren in Sichtweite kam. „Äh …“, verkündete er entschlossen. Keren hatte die junge Frau mittlerweile zweifelsfrei als Prinzessin identifiziert. Sie nahm keine Notiz von ihm. „Äh …“, versuchte er es erneut, „ähem, äh …“ Mit halb geschlossenen Augen sah die Prinzessin zu ihm herüber. Augenblicklich sprang sie auf. „Ahh!“, entfuhr es ihr. „Oh, äh … Ich tu’ dir nichts! Äh … Euch!“ „Oh, endlich! Mein Retter, mein Erlöser, mein Prinz!“ „Öh …“, erwiderte Keren. „Endlich seid Ihr gekommen! Gekommen das Monstrum zu töten, welches mich in diesem Verließe festhält! Gekommen mich zu erretten und mich hinfort zu bringen und zu Eurer Gemahlin zu nehmen!“ „Moment!“ Keren erlangte wieder Fassung. „Was habt Ihr, mein holder Prinz? Was zagt Ihr vor meinem Kerker? Wa…“ Die Prinzessin rang um ihre Kinnlade. „Aber … Wer seid Ihr? Ha, vielmehr: Wer bist Du, wenn nicht gar: Wer ist er?!“ „Keren …“ „Was will er hier? Erkläre er sich! Wa…“ Die Prinzessin riss die Augen auf: „Oh nein! Ist er etwa gekommen, uns zu rauben?! Gekommen uns zu entführen und zu schänden?! Weh, welch grausames Geschick!“ „Nun hört mir doch – „ „Oh, erbarme er sich! Verschone er doch meine heilige Unschuld! Wir wollen ihn belohnen, reich belohnen für seine Gnade! Unser Schicksal – „ „Ich will Euch nicht rauben!“, rief Keren nun, allen Regeln der Konversation zum Trotz. „Ach …“ Die Prinzessin verstummte. Vorerst.

Genn war derweil zuhause angelangt. Der Alte saß noch immer vor der Tür. „Ah, wen sehen meine alten, unscharfen Augen da kommen?“ „Ich bin’s“, sagte Genn nur und ging hinein. „Ja, ich kenne deine Stimme. Du bist Genn, mein Enkel und Erbe! Wir sorgten uns um dein Wohl, lieber Genn. Dein Bruder zog aus, dich zu suchen! Sage mir, wo bist du gewesen?“ Niemand hörte ihn.

„Also …“ Keren bemerkte nun, dass er gar nicht wusste, was er der Prinzessein denn sagen wolle. Er beschloss, erst einmal ein paar Fragen zu stellen. So verschaffte er sich Zeit. „Zunächst einmal: Wie heißt Ihr?“ „Unser Name lautet Prinzessin Juliana Wilhelmine Sieglinde von Brehn! Unser Vater war Julianus Wilhelm Siegfried, Graf von Brehn, Grundherr des Königs Gnatus I., Hüter des heiligen – „ „Danke! Ich glaube das genügt. Ähm, sagt mir, Prinzessin Juliana, wie – „ „Prinzessin Juliana Wilhelmine Sieglinde von Brehn, wenn’s genehm ist! So viel Zeit muss sein!“ „Habt Ihr nicht einen … Rufnamen?“ „Ha, maßt er sich etwa an, uns bei unserem Rufnamen anzureden? Ha!“ „Ach, was soll denn dieses Getue? Ihr seid wohl kaum älter als ich und wir sind wahrscheinlich so ziemlich die einzigen Menschen in diesem Wald!“ Und unachtsam fügte er hinzu: „Außerdem bin ich wohl der Einzige, der in den nächsten Jahren als Euer Retter in Frage kommt.“ „Haha, er will uns retten? Er ist ja nicht einmal kräftig genug, die Pforte unseres Schlosses zu öffnen! Aber bitte, versuche er es doch!“ Keren zögerte. Nicht, dass er daran gezweifelt hätte, die Tür öffnen zu können. Aber er hatte eigentlich nie vorgehabt, die Prinzessin zu retten. Zumindest nicht durch den Kampf mit einem Untier. „Ach, was für ein Monstrum bewacht Euch denn hier?“ „Ein ungeheurer Drache hält mich hier gefangen! Er könnte ihn wohl kaum bezwingen!“ Da fiel Keren etwas ein. „Sagt mir doch: Wenn Euer Drache so grausam ist, warum habt Ihr denn gefürchtet, ich könnte Euch rauben?“ „Ah, nun ja … Er ist tot.“ „Bitte?“ „Ich sagte: Der Drache ist tot!“ „Wie ist er denn gestorben?“, fragte Keren automatisch. „Grippe.“ „Aber … Warum seid Ihr dann noch hier?“ „Seine Knochen versperren die Pforte! Kann er sich das nicht denken?“ „Knochen? Wie lange ist er denn schon tot?“ „Ach, ein paar Wochen wohl …“ „Wie habt ihr hier so lange überlebt?“ „Nun …“ „Ja?“ „Ähm …“ „Ja?“ „Also …“ „Ja? Ja? Ja?!“ „Es ist ja gut! Ich hab’ ihn gegessen!2 „ … „ „Nun schaue nicht so! Was hätte ich denn tun sollen?“ „Äh … Also, soll ich dich jetzt retten?“ „Das geht doch nicht, du bist nicht adlig!“ „Wir müssen ja nicht gleich heiraten.“ Prinzessin Juliana rollte mit den Augen. „Ach, mach doch was du willst.“ Das tat Keren. „Spring!“, rief er. „Was?“ „Wie bitte“, tadelte Keren. „Nun hör schon auf!“ „Dann spring! Anders kriege ich dich nicht aus dem Schloss.“ „Bist du von Sinnen? Das sind mindestens zehn Schritt bis nach unten!“ „Zehn Fuß“, korrigierte Keren.

Es wurde allmählich Abend. Kerens Familie saß bei Tisch und erwartete das Abendessen. Kerens Mutter rief den Alten herein: „Vater, komm rein, es gibt Essen!“ „Oh, welche Freude, nach einem Tag voller Mühsal diese melodischen Worte zu vernehmen! Gesegnet ist doch der Mann, der sich solch einer fleißigen und herzensguten Tochter rühmen kann. Er wird auch im Alter nicht vergessen werden!“ Kerens Mutter überhörte sein Geschwafel. „Bring Keren mit, wenn du kommst.“ „Ah, Keren! Mein ältester Nachfahre! Mein Enkel und Erbe.“ Des Alten Gemurmel drang undeutlich herein. „Doch wo mag er sein? Habe ich ihn denn am heutigen Tage bereits erblickt?“ Kerens Familie begann mit dem Essen. Es war nicht ungewöhnlich, dass der Alte nicht dabei war. Sie würden ihm später die Reste rausbringen. Doch um Keren sorgte sich seine Mutter schon.

„Besserwisser! Eine Dame macht halt kleine Schritte! Und den Hals breche ich mir trotzdem!“ „Ach was!“, entgegnete Keren, „Ich fang dich auf!“ „Pah, wer’s glaubt!“ „Gut …“, Keren gab auf, „Doch eines interessiert mich noch bevor ich gehe. Sag mir doch: Wie viel ist denn von deinem Drachen noch übrig?“ Prinzessin Juliana begann, an ihrer Entscheidung zu zweifeln. Doch sie ließ sich nichts anmerken. „Genug!“ „Aha. Genug für wie lange? Eine Woche? Ein paar Tage?“ „Wehe dir, wenn ich mich verletze!“ „Wie?“ Keren war aus dem Konzept gebracht. Schon kam Juliana ihm entgegen.

„Au!“, sagte die Prinzessin wenig überzeugend und erhob sich von Kerens Überresten. „So du Held, und jetzt?“ „Jetzt kannst du mich beerdigen”, stöhnte Keren. „Ach, lass den Unsinn!“ Juliana zog ihn auf die Beine. „Was machen wir jetzt?“ „Nun, du kannst mir helfen, aus diesem Wald heraus zu finden“, antwortete Keren und rieb sich die Knochen. „Ich sagte dir doch, du sollst die Witze lassen!“ „Das war kein Witz.“ „Was?!“ „Nun stell dich nicht so an. Du bist hier doch aufgewachsen!“ Keren ging nach Westen in zum Wald zurück. „Ja, da im Schloss bin ich aufgewachsen! He, wo willst du hin? Warte!“ Sie lief ihm hinterher und zeterte. „Jetzt, da ich aus dem Schloss ausgeschlossen bin, musst du auf mich aufpassen!“ Er gab das Streiten auf. „Wie war noch dein Name?“ „Jule.“


Diese Geschichte ist nicht bloß paranoid. (Wird also fortgesetzt …)

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Quelle:Disclaimer von e-recht24.de, Rechtsanwalt Sören Siebert

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